11.10.2017

Mehr Verkehrstote durch OPERA-3

Laut ASTRA soll die Fahrausbildung qualitativ verbessert, administrativ erleichtert und dadurch sicherer und deutlich günstiger werden! Doch das Gegenteil sei der Fall, meint Urs Fasel, Präsident des Schweizerischen Fahrlehrer Verbandes SFV. An der Medien-Information vom 5. Oktober 2017 findet er deutliche Worte und nennt die Vorschläge des ASTRA zu OPERA-3 „die 7 Todsünden des ASTRA“. Fasel bezeichnet diese als „Änderungsvorschläge mit tödlicher Wirkung …“. Mit Erfolg seien Millionen Schweizer Franken ins Sicherheitsprogramm Via Sicura investiert worden. Die Unfallzahlen sanken in diesem Zeitraum um 50% und jetzt will das ASTRA die Fahrausbildung neu regeln?


Willi Wismer, Präsident des Zürcher Fahrlehrer Verbandes ZFV, doppelte nach. Die Statistik belege, dass die Anzahl Unfälle mit verletzten Junglenkern rückläufig sei. Die Schweiz habe ein gutes Fahrausbildungssystem, bei welchem Fahrlehrer und Privatpersonen miteinander an der Fahrausbildung wirken können.

Die 7 Todsünden des ASTRA
In seinen Ausführungen präzisierte Fasel seine Aussagen, indem er detailliert auf die sieben gefährlichen Punkte der Vorlage des ASTRA einging.

Sünde Nr.1
Nach drei Jahren Vorbereitungszeit hat es das ASTRA nicht geschafft, eine klare Auflistung von durchführbaren Vorschlägen auszuarbeiten. Zudem gab es kaum Vorstudien zu den Änderungsvorschlägen.

Sünde Nr. 2
Den Junglenkern wird vorgegaukelt, zwei Pflichtlektionen seien ausreichen, um Autofahren zu lernen. Zudem würde die Fahrausbildung wesentlich günstiger werden. Eine seriöse Kostenrechnung deckt schnell auf, dass die beiden Pflichtlektionen und die vorgeschlagene Reduktion auf einen (äusserst personalintensiven) WAB-Kurstag keine wesentliche Vergünstigung der Fahrausbildung darstellen.

Sünde Nr. 3
Verkehrssicherheit soll durch Assistenzsysteme erkauft werden. Dies sei jedoch ein Trugschluss, bemerkte Fasel, da vor allem Junglenker nicht das Budget hätten, ein beinahe selbstfahrendes Auto zu erwerben. Wichtiger wäre es, den Neulenkern die Grenzen der Assistenzsysteme aufzuzeigen, was eine zeitaufwendige Schulung zur Folge hätte.

Sünde Nr. 4
OPERA-3 enthält viele Pseudovorschläge, die von den Fachleuten abgelehnt werden oder nur schwer umsetzbar sind. Als „direkte tödliche Wirkung“ bezeichnete Fasel den Verzicht auf die gut erreichbare Handbremse für Begleitpersonen bei einer Lernfahrt. Und den Verzicht des ASTRA, Fahrzeuge für die Führerprüfung mit Doppelpedalen auszurüsten. Weiterer Pseudovorschläge des ASTRA sei die deplatzierte Lernphase. Diese zwänge die Lernenden zum mindestens einjährigen Fahren mit einem Lernfahrausweis vor der Führerprüfung.

Sünde Nr. 5
Autofahren mit 17 Jahren würde mehr als 40‘000 unerfahrene Fahrzeuglenker/innen auf die ohnehin verstopften Strassen bringen. Die gutgemeinte längere Ausbildungszeit der Neulenker kann jedoch nicht überprüft werden, da weder Fahrdauer noch Kilometer in dieser „Lernzeit“ vorgeschrieben sind. 17-Jährige könnten demnach auch nur im Besitze des LFA sein, fahren (im Sinne von Fahrpraxis erwerben) müssten sie jedoch nicht!

Sünde Nr. 6
Die Streichung des Automateneintrages birgt viele Gefahren. Es ist nicht sichergestellt, ob jene Personen auch fähig wären, ein Fahrzeug mit Schaltgetriebe in schwierigen Situationen zu bedienen.

Sünde Nr. 7
Die Reduzierung der Weiterausbildung WAB auf einen Kurstag seitens ASTRA ist nicht nur personalintensiver, sondern wurde zusätzlich mit einem undurchführbaren und überladenen Inhalt vorgeschlagen. Neu soll der bisherige WAB 1 und WAB 2-Kursinhalt in sieben Stunden vermittelt werden!

Hackenfort-Studie
Zur Wirksamkeit der bisherigen WAB-Kurse hat Professor Dr. Markus Hackenfort eine Studie präsentiert, die interessante und positive Aspekte der WAB-Kurse aufzeigt.

Fasel ging in die Offensive
SFV-Präsident Urs Fasel hat sich an der Medienkonferenz zu weiteren Punkten der Förderung der Verkehrssicherheit durch eine angepasste Fahrausbildung und notabene auch für die Fahrlehrerinnen und Fahrlehrer eingesetzt. Dazu gehören auch der Hinweis auf die desolate und unbrauchbare Basis-Theorieprüfung, die unsinnige Änderung der Einschränkung des längeren Rückwärtsfahrens und die kantonalen unterschiedlichen Führerprüfungszeiten und -anforderungen.

WAB-Kurse haben eine positive Wirkung
Prof. Dr. Hackenfort wies darauf hin, dass die Studie aus zeitlichen und finanziellen Gründen „nur“ mit 10 Testpersonen durchgeführt werden konnte. Im Grundsatz wäre dies laut Fasel die Aufgabe des ASTRA, welches über wesentlich grössere finanzielle Mittel verfüge. Trotz der positiven Wirkung der WAB-Kurse auf die Testpersonen, sei die Studie aufgrund der geringen Anzahl der Testpersonen nur bedingt repräsentativ.

Analyseergebnisse von Prof. Dr. Markus Hackenfort, Verkehrs- und Sicherheitspsychologie
Die Weiterausbildung von Neulenkenden wird in der Literatur und von den Experten als notwendige, jedoch optimierbare Massnahme zur Erhöhung der Sicherheit im Strassenverkehr beurteilt. Dies deckt sich überwiegend mit den Erkenntnissen aus der Fahrsimulatorstudie, welche bei den Neulenkenden keine durchgängig signifikanten Unterschiede in den zentralen Messungen der Fahrleistung vor und nach den Weiterausbildungskursen, jedoch unter anderem einen kompetenteren Umgang mit kritischen Ereignissen und positiveren Einstellungen feststellen konnte. Beurteilt man die Fahrt im Simulator jedoch nicht nur bezüglich der technischen Parameter, sondern auf Basis der Bewältigung kritischer Ereignisse auf der Fahrstrecke insgesamt, so wurden signifikante Verbesserungen deutlich. Es zeigte sich ein kompetenter Umgang mit kritischen Ereignissen, ein besseres Blickverhalten, bessere Einschätzung der Abstände zu Fahrzeugen sowie eine insgesamt bessere Geschwindigkeitswahl.

Handlungsempfehlungen
Zusammenfassend lässt sich aus den vielfältigen Erkenntnissen der drei Projektschritte ableiten, dass die Kurse beibehalten werden sollten, jedoch insbesondere die Rolle der Moderatoren, das Beiziehen weiterer Fachleute sowie die Inhalte des zweiten Kurstags überdacht bzw. optimiert werden sollten.

Beitrag: Ravaldo Guerrini

 

 


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